Für einen Kuss im Halbdunkel

Alles hatte ich mir so schön bunt ausgemalt: in Neonfarben, mit etwas Glitter.

— Paul, kannst du mal kurz mit in den Keller kommen?

Er kommt mit. Auch wenn er weiß, dass sich mein “kurz” üblicherweise auf eine längere Zeitspanne bezieht.

Dann stehen wir uns im Halbdunkel gegenüber, und mein schöner Plan ist nur noch schwarz-weiß.

— Was ist, wenn ich es jetzt wirklich mache? Wird er danach überhaupt noch ein Wort mit mir sprechen wollen? Immerhin ist das Leben nicht Hollywood. Und mein Leben gleicht ohnehin eher Syrien oder Afghanistan.

Paul schaut mich mit seinen schönen, großen, blauen Augen an. Beinahe scheint er genau das zu erwarten, was ich vorhabe. Aber erhofft er es auch? Diese schönen, großen, blauen Augen sind für mich oft so unergründlich. So vielsagend und nichtssagend zugleich.

Mal wieder warte ich viel zu lange, verpasse den richtigen Moment, also das Sofort. Das Dann, das Später kommen mir in die Quere, lassen mich über richtig oder falsch nachdenken. Nachgrübeln. Für einen Moment ist Paul nur eine Idee, bis mir wieder bewusst wird, dass er doch vor mir steht. Zum Greifen nah. Zum Küssen nah.

Diese schönen, großen, blauen Augen.

Wenn Paul denkt, ich könne ihm plötzlich zu nahe kommen, bringt er Erik ins Spiel. Den Ex. Die Vergangenheit. Er ahnt wohl, dass mir jedes Wort über ihn zuviel ist. Doch Erik ist nicht nur Vergangenheit. Er ist auch Gegenwart. Pauls Gegenwart in der Vergangenheit. Seine Vergangenheit in der Gegenwart. Doch was ist mit unserer Zukunft? Die scheint er nicht zu sehen. Und ich? Habe ich zu lange in ihr gelebt?

Zurück in der Gegenwart tragen die schönen, großen, blauen Augen eine Frage im Blick.

— Was willst du?

Berechtigt, doch unausgesprochen. Stattdessen schaue ich endlich weg, an ihm vorbei, lasse meine Füße sich in Bewegung setzen. Aus dem Halbdunkel des Kellers heraus ins Tageslicht. Doch da – endlich – in meinem Rücken – die Frage.

— Was willst du?

Ich halte inne, drehe mich nicht um, warte nur. Als nichts folgt, weder ein Schritt, noch ein weiteres Wort, will ich meinen Weg bereits fortsetzen, bis mir endlich etwas klar wird: Was ich will, habe ich nie wörtlich benannt, immer nur gedacht. Schöne Träume gehabt, unerfüllte. Und dann kamen die Tränen. Vielleicht auch aus Sehnsucht. Doch viel mehr wegen meiner Feigheit.

— Dich will ich, höre ich mich sagen, in das Tageslicht hinein.

Nur wenig später legt sich eine Hand auf meine Schulter. Sie drückt sanft in meine Haut. Schon spüre ich die Tränen kommen. Denn es ist wie immer. Er ist verständnisvoll, beinahe voller Mitleid. Doch das kann und will ich nicht mehr ertragen. Ich will diesem Kreislauf entfliehen, diesem steten Hin und Her, Vor und Zurück aus Hoffnung und Scham.

Ich drehe mich um, ergreife seinen Kopf mit beiden Händen, ziehe ihn zu mir und küsse ihn auf den Mund.

Als ich seine schönen, großen, blauen Augen wieder sehe, liegt ein Lächeln in ihnen.

— Na, endlich, sagt der Mund mit den ein wenig feuchten Lippen.


© Alexander der Kleine / 2019

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